Von der Gemeindepfarrerin zur Militärseelsorgerin

Ein Interview mit Eva Holthuis und ein persönlicher Brief zum Abschied

Pfarrerin Eva Holthuis, 24 Jahre lang zusammen mit ihrem Mann Albrecht zuständig für die Bezirke am Lauerhaas, arbeitet ab 01.01.2018 als Militärseelsorgerin. Ulrike Schweiger-Lewin führte ein Gespräch mit ihr über die neue Aufgabe und ihre Motivation.

U. S.-L.: Eva, was hat dich bewogen, nach so langer Zeit nochmal etwas Neues anzufangen?

Albrecht und ich suchen seit einiger Zeit nach der Möglichkeit, in Vollzeit zu arbeiten. Wir sind bislang Inhaber jeweils einer 1/2 Pfarrstelle. Andererseits fühlen wir uns in Wesel und an unseren Arbeitsplätzen immer noch willkommen und wohl. Da unsere drei Kinder (fast) mit der Schule durch sind, habe ich die Chance ergriffen, nochmal durchzustarten. Pfarrer Christoph Sommer, der 2015-16 Brüner Pfarrer war, dann wieder in die Militärseelsorge zurückgekehrt ist, hat mich ermutigt. Außerdem der scheidende Weseler Kollege und eine  ehrenamtliche Notfallseelsorgerin, die jetzt als Sozialarbeiterin Kollegin wird. Auf jeden Fall neu für mich werden weite Anfahrten zu den fünf Standorten und das dortige Unterrichten i.R. des Lebenskundlichen Unterrichts: Da geht es um Gewissensschärfung der „Bürger in Uniform“, um Kenntnis fremder Religionen und Kulturen, um kritische Selbsteinschätzung, Persönlichkeitsentwicklung und Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Was reizt dich an der Stelle als Militärseelsorgerin?

Diverse Qualifikationen und Erfahrung der Notfallseelsorge sind gute Voraussetzung für die Militärseelsorge, auch meine Freude an der Zusammenarbeit mit Menschen unterschiedlicher Professionen. Überdies möchte ich Kenntnisse aus gemeindlicher Seelsorge und Teamführung, aus KiTa-, Kinder- und Jugendarbeit und innovativen Gottesdienstformaten nutzen; und meine musikalischen Möglichkeiten. „Lernen aus der Praxis für die Praxis“, das gilt auch für die Bundeswehr: aufmerksam zuzuhören, belastete Menschen zu begleiten, Gemeinschaft, Gewissen und Glauben zu fördern: vier jährliche Rüstzeiten für Soldatinnen und Soldaten und Familienfreizeiten sind gesetzt. Möglichst in ökumenischer Weite zu wirken, auch in Zusammenarbeit mit Psychologen und Sozialarbeitern zweier psychosozialer Netzwerke.

Wie hat die Familie reagiert?

Gott sei Dank sieht auch mein Mann als ehemaliger Zivildienstleistender die Notwendigkeit der Bundeswehr und der angemessenen seelsorglichen Begleitung vor, in und nach Extremsituationen. Die Kinder finden es ‚cool‘, dass ihre Mutter diese ganz andere Herausforderung annimmt und am Wochenende meist zu Hause ist. Übrigens: Ich werde nicht Teil der Diensthierarchie. Ich behalte meine Unabhängigkeit als Zivilistin!

Ist die Arbeit gefährlich?

Ich muss mich zu Auslandseinsätzen bereit erklären. Zwei Jahre lang werde ich geschult, dann folgen 4-monatige Einsätze, durch kollegiale Kooperation ggfs. verkürzt. Afrika kommt für Frauen aus Sicherheitsgründen nicht in Frage, Afghanistan wäre aber möglich.

Was denkst du, erwarten die Menschen von dir in deiner neuen Funktion?

Ich denke, Soldatinnen und Soldaten und ihre Familien erwarten eine offene, herzliche und interessierte Haltung; einen ehrlichen, lebenstüchtigen, gesprächsfähigen Menschen, der eigene Standpunkte entwickeln kann. Sie erwarten als suchende und seelisch verletzte Menschen Verschwiegenheit, Verlässlichkeit und Professionalität. Auch jemanden, der mit ihnen aus aktuellen Anlässen (wie Auslandsentsendung oder Wiederkehr) Gottesdienste feiert. Jetzt wird sich übrigens auch mein Englisch verbessern müssen: alle Standort sind auch Nato-Stützpunkte!

Welche Ideen hast du für die neue Aufgabe?

Zunächst möchte ich mich als Ev. Militärseelsorgerin an den verschiedenen Standorten bekannt machen: neben Wesel sind das Hilden, Düsseldorf, Wulfen, Kalkar und Uedem. Dann später werde ich eigene Akzente und meine Kontakte in und um Wesel sinnvoll einbringen. Darüberhinaus freue ich mich, in den kommenden Monaten viel dazu zu lernen! 

Was wirst du vermissen?

Viele vertraute Menschen der Gemeinde, v.a. rund um die Kirche am Lauerhaas: Manche ließen mich über 4 oder 5 Generationen in Ihre Familie und Seele blicken – das empfinde ich als großen Schatz und bin sehr dankbar! Die Kraft mancher Menschen hat mich staunen lassen. Natürlich ist mit dem Vertrauen auch Vertrautheit gewachsen. Das Erntedankfest in der Reithalle werde ich genauso missen wie die kollegiale Zusammenarbeit: z.B. mit meinem langjährigen katholischen Kollegen Robert Mertens. Wir waren ein Dreamteam ; )

Was ändert sich durch deinen Wechsel für den Bezirk bzw. die Gemeinde?

Albrecht, der ab Januar die volle Pfarrstelle innehat, sorgt für Stabilität und Kontinuität. In der Gesamtverantwortung wird er manches sicher anders machen, aber das ist doch eine Chance für alle! Wir werden weiterhin im Pfarrhaus wohnen, denn mein Dienstsitz ist die Schillkaserne in Wesel. Gemeindepfarrerin werde ich nicht mehr sein.

Liebe Eva, vielen Dank für das ausführliche Gespräch und alle guten Wünsche für deine neue Aufgabe! Die Gemeinde hat natürlich Gelegenheit, sich offiziell von dir zu verabschieden:

Der Festgottesdienst findet am 11. März 2018 um 14 Uhr in der Kirche am Lauerhaas statt. Herzliche Einladung!

 

Zu Ihrem Abschied schreibt Eva Holthuis:

"Ein eigenartiges Gefühl ist es schon: ganz da und ganz weg! Nach fast 25 Jahren. Schön ist, nicht gleich den Kontakt zu verlieren - zu mittlerweile vielen Menschen rund um den Lauerhaas, die mir ans Herz gewachsen sind. Menschen allen Altersgruppen haben mich in ihre Gefühle und Familie blicken lassen, in Krisensituationen, Verluste und Lebensfragen. Haben mir ihr Vertrauen geschenkt: sich in Jubel und Jammer begleiten lassen…. Manche Familien sogar über vier Generationen hinweg! Das ist ein riesengroßes Geschenk! Schön ist, den Freundeskreis am Ort zu bewahren. Schön ist, in diesem besonderen Pfarrhaus weiterhin zu wohnen; und, dass unsere Jüngste hier am Lauerhaas ihren Schulabschluss machen wird.

Zum 1.Juni 1993 sind mein Mann Albrecht und ich als Pfarrerehepaar an die Kirche am Lauerhaas berufen worden. Unser halbes Leben sind wir nun hier und haben Wesel als lebenswerte Stadt schätzen gelernt: genau das Richtige für Familien mit drei Kindern! Und für Pfarrerinnen und Pfarrer, die barrierefrei offen angesprochen werden wollen: in mitmenschlicher und ökumenischer Weite. Auch das: ein Geschenk!

Bewegende Abschiede von haupt- und ehrenamtlich Aktiven, von Gemeindegruppen, vom Kirchenchor und dem Team der Evangelischen Kindertageseinrichtung, der örtlichen Grund- und Gesamtschule rühren mich; viele vorerst letzte Begegnungen: Gottesdienste, Besuche, Meetings, Feiern.

Abschied auch von der teilhauptamtlich verantworteten Notfallseelsorge, die im Auftrag des Kirchenkreises in den vergangenen fünf Jahren an die 4.Gemeindepfarrstelle Wesels angedockt war. Freut es mich doch sehr, auch engagierte treue Gemeindeglieder für die Herausforderungen von Ausbildung und Einsatz gewonnen zu haben.

Bevor ich nun zwar privat ganz da und doch beruflich ganz weg sein werde, möchte ich mich auch für so manche geduldige und kritische Momente bedanken: wenn mein Temperament mit mir durchging. Haben sie doch persönliche Weiterentwicklung und gemeinsame Lernwege ermöglicht! Und dieser Kompetenzgewinn ist mein wertvollstes Gepäck in die neue Herausforderung der Evangelischen Militärseelsorge am Dienstort Wesel."

Ihre, Eure Eva Holthuis