Koscher in Wesel

Wie junge Israelis den Alltag in Deutschland erleben - ein Interview

Die beiden israelischen Mädchen Nizan Itskovich (14) und Aviya Keisar (16) sind mit dem Kibbuz Youth Orchestra zur Zeit in Wesel und wie alle anderen Mitglieder des 34-köpfigen Jugend-Orchesters privat untergebracht. Neben den täglichen Proben mit Weseler Musikschülern tragen auch die privaten Kontakte in den Gastfamilien dazu bei, sich näher kennenzulernen – über kulturelle und religiöse Grenzen hinaus. Nizan und Aviya gehören zu den sechs israelischen Musikern, die sich selbst als orthodoxe Juden bezeichnen, d.h. sie halten sich besonders konsequent an die Gebote und Traditionen ihrer Religion. Nizan Itskovich (links) und Aviya Keisar, zwei israelische Mädchen sind derzeit in Wesel zu GastNizan Itskovich (links) und Aviya Keisar, zwei israelische Mädchen sind derzeit in Wesel zu GastFür Mädchen dieser Glaubensrichtung im Judentum ist es zum Beispiel obligatorisch Röcke und keine Hosen zu tragen, die Speisegebote zu achten und den Sabbat (Ruhetag) streng einzuhalten. Albrecht Holthuis hat die beiden nach ihren Erfahrungen in Deutschland sowie nach ihrer religiösen Einstellung befragt befragt:

Mit welchen Gedanken hast du dich auf den Weg gemacht?

Aviya: Als ich von dieser Möglichkeit erfuhr, mit dem Orchester nach Deutschland zu reisen, war ich sehr aufgewühlt. Ich war zwar schon häufiger im Ausland, aber nach Deutschland zu fahren ist auf jeden Fall sehr aufregend. Einige meiner Freunde waren schon verwundert, dass ich mit der Gruppe nach Deutschland fahre, weil sie meinten, dass sie wegen der schlimmen Ereignisse des Holocausts niemals nach Deutschland fahren würden. Aber ich persönlich denke, dass das schon so lange her ist, dass man die heutigen Deutschen dafür nicht verantwortlich machen kann.

Welche ersten Eindrücke hast du von Deutschland und von den Menschen hier gewonnen, Nizan?

Was mir besonders hier an Wesel gefällt, ist das Wetter und das alles so „grün“ ist. In Israel ist es im Sommer häufig sehr heiß, so dass man kaum seine Wohnung verlassen kann – wie jetzt gerade. Die Menschen sind hier sehr freundlich zu uns – heute beim Shopping in der City wurden wir auch freundlich begrüßt. Interessant ist, dass viele Fahrrad fahren.

Ihr gehört zu den orthodox gläubigen jüdischen Jugendlichen aus der Gruppe, die sehr viel Wert darauf legen den religiösen Speisegeboten zu folgen und (koscher zu essen. Was heißt „koscher“?

Nizan und Aviya: Koscher essen bedeutet, dass wir vor allem nur bestimmtes Fleisch essen von Tieren, die auf eine bestimmte Art geschlachtet wurden (Schächtung). Außerdem darf man Fleisch- und Milchprodukte niemals mischen. Deshalb achten wir darauf, dass wir uns daran halten. In Israel ist das kein Problem, aber hier in Deutschland ist das sehr schwierig. Deshalb haben wir so viele koschere Produkte selbst mitgebracht (Anm: Tatsächlich haben die beiden neben Lebensmitteln auch z.B. Plastikbesteck dabei, damit Verunreinigungen vermieden werden, und im Kühlschrank gibt es extra „koschere Fächer“).

Was ist Euch noch wichtig an Eurem Glauben?

Aviya: Wir feiern neben den religiösen Festen jede Woche Sabbat, die „Königin“ der Woche, unseren Ruhetag. Es gibt da viele Traditionen wie das Anzünden der Kerzen, das gemeinsame Essen in einer bestimmten Weise, der Gang zur Synagoge. Vor allem aber das Ausruhen.

Nizan: Ja, an diesem Tag dürfen wir kein elektronisches Gerät benutzen, mit dem Auto fahren oder kochen (es wird am Tag zuvor gekocht).

Jetzt hier in Deutschland können wir auch den Sabbat nur deshalb einhalten, weil wir ihn mit einem jüdischen Rabbi aus Düsseldorf feiern. Er holt uns zu Beginn des Sabbats ab (Freitagabend nach Sonnenuntergang) und zum Ende des Sabbats (Samstagabend) bringen sie uns wieder nach Wesel.

Welchen Beruf wollt ihr später mal ausüben?

Nizan: Ich möchte später einmal Geigenlehrerin werden oder vielleicht im Bereich des Flughafens Ben Gurion (Tel Aviv) in Israel arbeiten.

Aviya: Nach dem sozialen Dienst möchte ich ein Musikstudium machen und später in einem Orchester sein, dass auf Tournee durch die Welt geht.

In Eurem Land gibt es nach wie vor keinen Frieden zwischen Israelis und Palästinensern, welche Hoffnung habt ihr persönlich für Eure Zukunft?

Aviya: Dieser Konflikt ist sehr kompliziert. Ich weiß wirklich nicht, wie man dort zu einer Lösung kommt. Ich wünschte sie mir auf jeden Fall, denn in Israel zu leben bedeutet auch, täglich mit Gewalt zu rechnen.

Nizan: Ich persönlich verstehe häufig nicht, warum unser kleines Land noch mehr abgeben soll und unsere Gegner manche schlimme Dinge tun.